Mittwoch, 27. September 2017

Erkenntnis

Kurz nach 21h, wie schon seit Monaten gehe ich sehr früh zu Bett, auch wenn ich schon ab mittags quasi auf meinem - mittlerweile völlig durchgelegenen - Sofa festgetackert bin und oft auch schon eine Runde schlafe.

Wie immer habe ich meine Wärmflasche an den Füßen, dauernd ist mir so kalt. Ebenfalls wie immer schließe ich für einen Moment die Augen - und heute denke ich plötzlich: was ist mit Deinen Händen? Es ist gar nichts, sie liegen locker gefaltet auf meiner Bettdecke. Aber warum gefaltet und mir fällt ein, dass ich das schon sehr viel länger mache?! Ich bete nicht, ich glaube nicht an Gott, warum also ausgerechnet diese Haltung meiner Hände? 

Weil es sich einfach so ergibt aus meiner liegenden Position? Weil es mir ein  gutes Gefühl gibt - so einfach ist die Antwort und während ich meine Hände von einander löse und die eine auf den Bauch und die andere auf die Brust lege, um bewusst zu atmen, denke ich: ich bin die einzige, die mich schützen kann, beschützen kann. Ich bin, aller Liebe, Zuneigung, Freundschaft und Zuwendung zum Trotz die einzige, die weiß, wie es mir geht. Nur ich fühle die Schmerzen, die Angst auch jetzt wieder, ob sich die verdammten Lymphozyten endlich auch mal bequemen und vermehren... und was ist, wenn nicht. Atmen!
Immer wieder neue Baustellen. Diese Erkenntnis, trotz all der Menschen, die sich sorgen und mich lieben, so alleine zu sein, beschert mir ein paar Tränen. Keine große Sache, aber an lesen ist jetzt nicht mehr zu denken, ich verfolge diesen Gedanken weiter. Warum falte ich meine Hände? Mir fällt nichts ein, allerdings ist es jeden Abend so, dass ich danach „atme“, eine Hand oben, eine unten. Und offenbar gibt mir beides zusammen ein Gefühl von Ruhe und Sicherheit - wenigstens für den Moment. Es fühlt sich an wie eine Umarmung und oft genug flüstere ich mir zu, dass alles gut wird, dass ich es schaffe, nur noch dieses und jenes und bestimmt ist die nächste Untersuchung wieder besser und das mit den Schmerzen hört jetzt bald auf, wenn ich erst meine Infusion bekommen hab. Und auch abgenommen hab ich wirklich genug, ich möchte so gerne ordentlich essen können. Das ist ein großes Problem und in meinen so stillen Minuten im Bett überlege ich immer wieder, wie ich mich am besten austricksen könnte. Die Crux: was heute prima klappt, ist morgen oder übermorgen oder auch erst nächste Woche der Auslöser für heftige Übelkeit oder Magenschmerzen.

Schlafen, so richtig zu schlafen, nicht nur hier ein bisschen und da ein bisschen - das wäre auch toll. Aber wie weiß ich von meinen Mitpatientinnen in der Reha? DAS Problem haben wir alle. Ob mit oder ohne Bewegung, mit oder ohne gesündeste Ernährung, mit oder ohne Penn-Pille - schlafen geht fast nie und damit ist die Erschöpfung am nächsten Tag schon wieder vorprogrammiert. 

 4:26h, ich bin wach, ziemlich, und da ist er nochmal, der Gedanke - ich, nur ich, kann auf mich aufpassen, mich schützen und dafür sorgen, dass es so gut wird, wie möglich.

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