Samstag, 5. November 2016

Zuviel...


Ein Tag wie jeder andere, die vierte oder fünfte Nacht kurz und unruhig, ich schlafe, werde wieder wach, wälze mich und komme überhaupt nicht zur Ruhe. Am Tage bin ich fahrig und unruhig, versuche, mich abzulenken, den Fokus nicht auf meine Extremitäten zu richten. Ich habe seit Tagen schlimme Schmerzen in den Füßen und Beinen, auch in den Schultern, es frisst mich beinahe auf, ich ziehe mich zurück, rede nicht mehr, weiß nicht, was tun, in die KMT will ich nicht, es scheint mir albern, wegen so einem Kinkerlitzchen dorthin zu fahren. Suche dann aber doch den Kontakt zu meinen Ärzten, die ich echte 24 Stunden erreichen kann. Purer Luxus. Nehme weisungsgemäß Schmerzmittel hochdosiert, nichts hilft, wirklich nichts.

Baue mir ein Tagesbett auf dem Sofa, umgeben von Tee, schönen Büchern, Magazinen... kann mich nicht konzentrieren. Springe dauernd wieder auf, hier fällt mir was ein und da und vielleicht könnte ich noch. "Schlaf eine Weile", sagt mein Mann. Ich möchte so gerne, bin so müde, aber ich komm nicht raus aus meinem Kreislauf.  Der Schmerz ist allgegenwärtig, er bohrt und zerrt in mir, meine Knochen sind wie zum Zerreißen gespannt... oder doch fühlt es sich so an.
Am späten Nachmittag bin ich noch einmal eine Runde um den Block gegangen, aber auch die Bewegung ist nur in Bewegung sinnvoll, der Nutzen verliert sich sofort, wenn sie nachlässt.

Zum Knochenschmerz kommt die Hautproblematik, seit 2 Wochen habe ich eine GvHD der Haut, soll heißen die T-Spenderzellen wehren sich gegen mich, die Empfängerin der Blutstammzellen. Dank Kortison ist es recht gut im Griff, auch einige andere Medikamente und die Immunsuppression sind wieder erhöht. Besonders nachmittags und abends scheuert es heftig, juckt, ich muss kratzen, auch im Gesicht, es schwillt an und schlägt aus. Ich möchte das alles nicht.

Ich spüre, wie ich immer stiller werde, einsilbig, nicht mehr antworte, die Menschen, die sich um mich sorgen, abkanzel'. Ich fühle mich alleine, unverstanden, einsam - obwohl ich alles das nicht bin. Soviel Zuwendung und Liebe bekomme ich, es ist fast beschämend. Das ist das Letzte, was ich sein will: eine bösartige kranke Alte, die ihre Umwelt terrorisiert.

Ich denke jeden Tag, wirklich jeden Tag an meine Spenderin, so gerne möchte ich ihr auf ihren sagenhaft lieben Brief antworten, der  mich Ende September erreicht hat. Aber soll ich ihr schreiben, es geht mir seit Wochen nicht gut, es dreht sich alles im Kreis, das Blut kommt nicht wie wir es uns wünschen, das Knochenmark braucht so lange, ich bin deprimiert, ungeduldig und genervt? Das kann ich nicht, wirklich nicht. Dabei möchte ich so gerne den Kontakt halten, nicht erst in 19 Monaten wieder von ihr hören, wenn wir uns sehen wollen, sollte ich so lange durchhalten.

Seltsame Gedanken und Erinnerungen halten sich vor allem nachts die Waage. Durch mein Hirn schwirren viele Erinnerungen aus den Nächten in der KMT, das fahle Licht, Schmerzen und die damals ständigen Geräusche sind vollkommen präsent, hier in meinem großen üppigen Bett, voller Kissen, Büchern, Wärmflasche und Schlafmütze... jaja, Schlafmütze... ein Mützchen, das ich im kalten Zimmer über meinen kahlen Kopf ziehe. Es ist mir wohliger so.

Eine Nacht also wie jede andere der letzten Nächte, alle Stunde, spätestens 1 /12 schau ich auf die Uhr, weiß nicht, habe ich geschlafen oder nicht, geträumt, gedacht.
Was ist mit mir? Was macht das alles mit mir? Warum bin ich, die ich so gewiss, siegesgewiß, optimistisch und energiegeladen (doch, auch voller Angst) im Juni zu meiner Stammzelltransplantation eingerückt bin, so ein unsicheres Würstchen geworden? Mal so mal so, es ist ein ständiges Hin und Her.

Um halb 5 heute morgen ein Geistesblitz: vor einigen Tagen hat mir Annick, die ich vor genau 8 Jahren auf meinem ersten Jakobsweg kennengelernt habe, ein Fläschchen ätherisches Weihrauch-Öl geschickt, ich lese, es soll für und gegen vieles wirken, auch gegen Schmerzen. Ich lasse mir ein Bad einlaufen, muss vorsichtig sein, die Haut reagiert bei zuviel Wärme sofort mit fiesen Juckschüben. Tropfe ein wenig Weihrauch hinein und tauche ab... 80 Minuten später liege ich im kalten Wasser, tiefenentspannt, ich habe geschlafen. Endlich. Nun ist mir nur kalt, egal. - Mein Blick fällt auf eine riesige Flasche, 1 Liter "Retterspitz", eine homöopathische Lösung, die mir von "meinem Physio" in der KMT empfohlen wurde zur Behandlung von Rücken- und/oder Knochenschmerzen. Lese den Waschzettel, könnte passen, ich schmiere Schulter, Beine und Füße ein. Schlimmer kann es nicht mehr werden.
Auf die wehe Haut im Gesicht, Oberkörper usw. verteile ich Linola in jeder Form - und jetzt komm her Du, dunkler Tag. Heute schnapp ich Dich. Und nicht umgekehrt.

Kommentare:

  1. wünsche dir alles Gute, du mutige Frau

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  2. �� Schicke Dir Kraft und Zuversicht. Zarte Umarmung. Besito

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  3. ich kenne dich nicht aber jetzt einen Teil deines Leidensweges. ich wünsche dir die Kraft, dein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren - möge die macht mit dir sein!

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