Samstag, 29. Oktober 2016

Readingbooks. Lesestoff im Klinikbett.

Unschätzbar an Zeiten wie diesen ist die schier unendliche Zahl der Möglichkeiten, so einen langen Klinik-Aufenthalt wie er in diesem Sommer vor mir lag, zu planen. Die Ablenkung zu planen. Lesen, Musik hören, stricken. Punkt.

Lesen: gute Gelegenheit, über Neuerscheinungen zu lesen, Uta Vardar, die Buch-Spiele-Gin-Saft-Salz-Rotwein-DVD-CD-Karma-Tandlerin meines Vertrauens zu befragen und in ihrem wunderbar kruschteligen, gemütlichen Laden Varia Vardar gleich um die Ecke herumzustöbern. Politisch korrekte Papiertüten vollgestopft heim zu tragen, jedes Buch politisch unkorrekt eingeschweißt, weil: bloß keine Keime einschleppen.
Darunter auch "Zwischen zwei Leben" von Guido Westerwelle, ich bin ja schließlich tough wie nur was, das leg ich mir in der Klinik ans Bett und lese gleich los, wär ja doch gelacht. Westerwelle, Leukämie, Stammzelltransplantation, Komplikationen, Tod. Wenige Wochen, bevor ich einrücken soll. 
Mein Mann schüttelt den Kopf, mein Doc schüttelt den Kopf. Westerwelle bleibt eingepackt auf dem "Danach-Stapel" liegen. Danach? Jahaaaa.... danach!!! Ich schaffe das! Du schaffst das! Wir schaffen das!

Aber dann, mein Schönstes, bisher, obwohl sie alle so unterschiedlich und so schön sind: "Vom Ende der Einsamkeit" von Benedict Wells. Eine Liebesgeschichte, eine Familiengeschichte, für mich auch eine Krankengeschichte, wenn auch nur auf den letzten 80/85 Seiten des Buches. Dennoch, dort in der Klinik, selber jeden Tag an 20 und mehr Infusionsbeuteln hängend, DAS zu lesen, die Geschichte der sterbenden Alva, das hat mich zunächst mal kalt erwischt, mich toughe Bea. Schnappatmung für einen Moment, Buch beiseite legen. Lieber ein bißchen facebooken.
Ich habe es zu Ende gelesen und ich habe geweint.

Außerdem wollte ich unbedingt Ian McEwan lesen, "Kindeswohl". 
Text, Buch-Rückseite: "Familienrecht ist das Spezialgebiet von Fiona Maye, Richterin am High Court in London: Scheidungen, Sorgerecht,Fragen des Kindeswohls. In der eigenen Ehe ist sie seit über dreißig Jahren glücklich. ... Und zugleich wird ihr ein dringlicher Gerichtsfall vorgelegt, in dem es um den Widerstreit zwischen Religion und Medizin und Leben und Tod eines 17-jährigen Jungen geht."
Nun gut, hier packt mich die kalte Hand schon etwas eher, der Protagonist Adam Henry, knapp 18, aber eben noch 17 und deshalb vom Richterspruch abhängig, ist an Leukämie erkrankt, die Eltern, Zeugen Jehovas, verweigern jede Behandlung, vor allem die Gabe von lebensnotwendigen Bluttransfusionen. Ich habe es gelesen, verschlungen, McEwan schreibt zum Niederknien.

Danach "Auerhaus" von Bov Bjerg, kennt jeder, ich jetzt auch. Ich nehme die kurze Rezension von Daniel Cohn-Bendit und schließe mich an: "Das Buch erzählt, dass das Leben schön sein kann, selbst dann, wenn es nicht immer schön ausgeht. Das ist wunderbar..."
Drei Bücher, die ersten drei. Dreimal der Tod.

Jetzt muss was anderes her:
"Altes Land" von Dörte Hansen, nicht neu, aber ich habe es noch nicht gelesen. Altes Land, das klingt betulich-beschaulich-schön nach flatternder Persil-weißer Wäsche auf langen Leinen zwischen blühenden Apfelbäumen. Und ist doch ganz anders, ist die Geschichte zweier Frauen, geflohen aus Ostpreußen die eine, die andere, Nichte Vera mit Kind vor dem fremdgehenden Mann aus Hamburg-Ottensen. Ganz ganz langsam wachsen sie zusammen, die drei. Schön.

Wunderbar auch die italienische Familiengeschichte von Fabio Volo "Der Weg nach Hause", die Geschichte zweier Brüder, die Geschichte der Eltern, des Sich-Lösens und Wiederheimkommens, weil der Vater schwer erkrankt und die Mutter lange tot ist. Das traurige und erschreckende Abschiednehmen vom Demenz-kranken Vater.

Helge Timmerberg... Timmerberg war mir - Schande auf mich - bisher nur bekannt als Autor toller Reiseberichte und Reportagen aus dem Rotlich-Milieu im Stern, großartiger Stories im Spiegel - und das schon viele Jahre. Bei Uta habe ich "Die rote Olivetti" gekauft, von HT selbst so beschrieben: 'Mein ziemlich wildes Leben zwischen Bielefeld, Havana und dem Himalaja'. So was muss ich kaufen, da kann ich nicht anders und ich habe es keine Sekunde bereut. Sex & Drugs & Rock'n Roll zwischen den ersten journalistischen Schritten und dem unbedingten Willen, die notwendige Kohle für das gesamte Leben dazwischen mithilfe DER Gastronomie zu scheffeln. 
Ich hab so gelacht, manches kam mir so bekannt vor, selbst erlebet, selbst mit-erlebt, selbst mitangesehen. Vielleicht ist es das, was mich vom ersten Moment an so für ihn eingenommen hat. Gleich danach, noch in der Klinik, hab ich mir - Uta wird's verzeihen - online die wunderschöne "African Queen" bestellt. Timmerberg bleibt als "Reiseschriftsteller" mein Held und ich könnte in den Tisch beißen, dass ich ihn vor ein paar Tagen nicht hier in Düsseldorf sehen durfte. Immunsuppression sei Dank :-(

Ach, und der Inder. Ja der Inder. Der mit dem Fahrrad bis nach Schweden.... und so weiter und so fort. Die einen sagen, das Buch ist ein Pageturner, die anderen, es gebe den Glauben an die Menschlichkeit zurück. Nehme ich dazu die Worte der Frau, der dieser Mann hinterhergereist ist und die noch heute, viele Jahrzehnte später die seine ist, dann war wohl alles richtig. Mir ist die beschriebene Gutgläubigkeit und Naivität des erwachsenen Mannes ab und an gewaltig auf die Nerven gegangen. 

"Dieser Mensch war ich" - Nachrufe auf das eigene Leben von Christiane zu Salm. Überflüssig.

"Das Hohe Haus" vom gerade verstorbenen Roger Willemsen. Der beobachtete ein ganzes Jahr den Deutschen Bundestag. Seine Worte zum Funktionieren (?) unserer Demokratie sind allemal lesenswert.

Danach begann die ganz leichte Phase, ich konnte mich schon sehr schlecht konzentrieren, musste oft zurückblättern und hab trotzdem nicht behalten, was ich gerade gelesen hatte. Oder nur schwer. Aber die Nächte waren lang und oft verstörend und mussten irgendwie vergehen. Manchmal habe ich mich in den großen Lehnstuhl am Fenster gesetzt, die Lehne zurück geschoben, die Füsse auf der Heizung abgelegt, dicke Decke auf den Beinen und gelesen. Andere Haltung, weniger Druck auf den schon beschädigten Hautstellen. 
Da kam mir Martin Walker gerade recht mit seinen Kriminal-Geschichten um Bruno, den vermutlich mittlerweile berühmtesten Polizisten des Périgord. Es sind nicht die Krimis, die mich erfreuen, die sind eher so lala, vielmehr ist es die Kombination aus offenbar geliebter Landschaft, Nachbarschaft, die Hinweise auf Rezepte und Weine (jaja, gibt auch schon ein Kochbuch von "Bruno"), das Miteinander. Französische Geschichte kann er auch ganz gut, immer irgendwie eingebaut in die Story. Wer Frankreich mag, der mag Walkers Geschichten mit so schönen Namen wie "Delikatessen", "Grand Cru", "Schwarze Diamanten".-

Nochmal zu Westerwelle. Ich habe es gelesen. Angefangen und auf Seite 1 unten wieder aufgehört, weil ich - ach nein, mal wieder weinen musste. Dann lag es zwei Tage hier herum, immer in Griffweite. Donnerstags habe ich wieder angefangen. Freitag Abend war ich fertig. In jeder Hinsicht. Es ist ein gutes, berührendes, für mich auch schweres Buch, so frisch wie das alles ist. Ganz besonders angefasst hat mich die eindrücklich beschriebene Liebe zu seinem Mann. So etwas sollte jeder todkranke Mensch haben dürfen: die unverbrüchliche Liebe eines Menschen, der nie und nimmer von Deiner Seite weicht und Dich durch alle Ängste trägt.

Es waren noch ein paar mehr Bücher und es werden auch noch ein paar mehr, Krankheit schenkt im günstigsten Fall Zeit für Dinge, die sonst gerne mal zu kurz kommen.

Für die neuen und alten Töne in meinem Leben war und ist mein Gatte zuständig, der hat mir jede Menge Musik zusammengestellt, unter dem schönen Titel "Health for Bea" seine und meine Lieblingsstücke auf verschiedenen CDs gesammelt, Bedeutendes unserer Beziehung, immer wieder auch von ihm selbst Gesungenes... die unverbrüchliche Liebe eines Mannes, der trotz eigener Angst nicht aufhört, für mich da zu sein und mir jeden Tag zu sagen: ich bin da! Vertrau!
Als das erste Mal morgens um 7.00 mit "Soul Snakedown Party" sein Bass durch mein Zimmer röhrte,  in meinem Bauch hallte, war es um mich geschehen, ich hatte solche Sehnsucht nach Hause, nach Nähe, nach Berührung und lag doch da ganz alleine in einem runtergekühlten Zimmer, in dem ich auch bei 36° Außentemperatur ständig fror.



Varia Vardar: http://the-duesseldorfer.de/authentische-orte-das-varia-vardar-universum/

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