Mittwoch, 26. Oktober 2016

Optimist, der... oder die?


Optimist, der... steht so im Duden und weiter steht da:

Von Optimismus erfüllter Mensch - aber was ist jetzt Optimismus?

Dazu weiß das berühmte Werk:
1. einer mit einer Lebensauffassung, die alles von der besten Seite betrachtet, heitere, zuversichtliche, lebensbejahende Grundhaltung. 
2. zuversichtliche, durch positive Erwartung bestimmte Haltung angesichts einer Sache, hinsichtlich der Zukunft.
Punkt 3 lass ich weg, davon sind wir so weit entfernt wie nie zuvor in meinem und unser aller Leben, dazu ist mir die Welt im Moment einfach viel zu böse.


Und schon sind wir mitten drin im Thema, man muss auch nix mehr ändern, weil: DER Optimist steht für Männlein wie Weiblein und auch ich will da heute gnädig sein. 
Ich war also ein Optimist, mein ganzes denkendes Leben lang und wahrscheinlich auch schon davor, auf Kinder- und Babyfotos lache ich jedenfalls immer aus vollem Herzen, zählt das?

Das Leben und auch ich selbst haben mir immer wieder dicke Knüppel auf den Kopf gehauen, meist musste ich dann nur kurz stehenbleiben, tief Luft holen, zwei Flaschen Wein oder auch mehr mit Freunden draufschütten und weitermachen. Meist. 
Einmal hat der Wein nicht gereicht und auch nicht der anschließende Gin Tonic, da war ich es so satt, dass ich trunken vor Freiheit und Glück und Unglück zugleich in Port Adriano und der damals noch ganz urtümlichen Cantina saß und auf die Frage: was willst Du denn machen? geantwortet habe - ich geh jetzt auf den Jakobsweg, das will ich seit Jahren und das mache ich jetzt. Alle haben sie mich für völlig verrückt gehalten. 
Ich, jeden Tag auf 10cm-Pinnen unterwegs, um 8.00h im Geschäft, sämtliche Einkäufe schon abgearbeitet, um 8.30h Café mit den Nachbarn, das alles in Puerto Portals, dem damals och schönsten Hafen ganz Mallorcas. Irgendwann am Vormittag ploppten die ersten Korken, ab mittags saßen die Capitanos rund um die Bar und schlürften ihre Copita, das Wasser war drei Meter entfernt und so ging es munter weiter weiter weiter, Arbeit satt. Und Spaß satt. Nie war ich es leid, im Gegenteil...

Und jetzt dann auf den Jakobsweg? Alles klar Bea. Mach mal... Ich wusste nix, außer dem Kerkeling-Buch "Ich bin dann mal weg" hatte ich wenig bis nichts gelesen, mich bei Freundinnen, die quasi gerade zurück kamen, ein wenig informiert - aber sonst: nada. Ich bin einfach los. Palma, Madrid, Pamplona. Und ab. 

Ein bißchen anders war es mit der Reise, die ich letztes Jahr im Oktober angetreten bin, am 2.10.2015  um genau zu sein. Am Tag der Diagnose habe ich mich hingesetzt und nahezu alles downgeloadet, was die einschlägigen Foren und Zusammenschlüsse wie die DLH (Deutsche Leukämie und Lymphom-Hilfe), das MPN-Netzwerk usw. usw. zu meiner Erkrankung anbieten. Habe Bücher bestellt und 4 Wochen nur vor dem Rechner gesessen und im Bett gelegen um zu lesen, was mich erwartet. Danach war ich noch immer optimistisch. Du schaffst das! Ausrufezeichen!

Von Anfang an war klar, dass ich mich transplantieren lassen will, solange ich körperlich noch so stabil bin, dass ich das ganze Theater mit Hochdosis-Chemotherapie und anschließender Stammzelltransplantation und vor allem das, was danach passiert, um den nicht lebenstüchtigen Körper über'n Berg zu schaffen, auch aushalte. Überlebe. 
Ich schaffe das! Du schaffst das! Wir schaffen das zusammen! - 

Ich habe gelesen, mich so akribisch vorbereitet, dass ich den Meisten unheimlich wurde. Ich habe meine Familie vorbereitet auf das, was sie zu sehen bekommen würde, die Wäsche, die Wohnung vorbereitet. Immer voller Optimismus. Klar hatte ich Angst, aber selten, in schlechten Momenten,  nachts, wenn ich nicht schlafen konnte.       
Wo wir sind ist oben - und wenn wir unten sind, ist unten oben. Oder so ähnlich. Ich hab mir selber Mut gemacht. Mein Doktor hat mir Mut gemacht. 
Den Rest kennt Ihr (oder lest es hier im Blog nach). 11 Wochen Klinik, nach Hause, rauf und runter, mal mehr, mal weniger gut, manchmal höllisch. Schon ganz viel Lachen, aber auch Schmerzen und Angst, es nicht zu schaffen. Tränen erlaube ich mir nur äusserst selten. Dennoch weine ich öfter als ich es für möglich gehalten hätte.

Seit knapp einer Woche plagt mich die so gefürchtete GvHD, die Graft-versus-Host-Disease, auch GvHR - Graft-versus-Host-Reaktion - genannt, eine Transplantat-gegen Wirt-Reaktion; die T-Zellen meines Spenders wenden sich gegen mich. Über 50% meiner Haut sind durchgängig von einem schmerzhaften, furchtbar juckenden Exanthem überzogen, ich kann nichts auf der Haut vertragen, schmiere Kortison, bekomme es auch in sehr ordentlicher Dosis als Tablette, die mir rote Bäckchen in mein graues Gesicht zaubert. Ich habe mir ein besonderes Duschzeugs für Neurodermitiker besorgt, meine Immunsuppression wurde wieder hoch gefahren, das zusammen mit dem Kortison bedeutet auch vermehrte Antibiose, damit nicht noch doofe Pilze über mich herfallen. Never ending story...

Zum 6.578 Mal sage ich: Dankenswerterweise bin ich vor Jahren (2012) bei genau der Hämatologin gelandet, die mich von 2012 bis zu meinem Einzug in die Klinik begleitet hat. Glücklicherweise hat mir der Himmel in Form von Herrn Dr. H., er ist Partner der schon erwähnten Hämatologin, "meinen" Prof. K. geschickt, zu dem ich mittlerweile blindes Vertrauen habe. Der meinen Spruch abkann und auch wechselt, der mich ernst nimmt und mir IMMER hilft. 

Optimistinich!!!


1 Kommentar:

  1. Eindrucksvoll geschrieben,Bea. Respekt. Ich kenne genau das aus der eigenen Familie, und von dem Sohn einer Freundin. Genau so !!!
    Ich sag jetzt nicht,was viele wahrscheinlich sagen!
    Du machst das toll Bea,alles wird gut.....
    Ich drücke dir einfach nur von Herzen die Daumen. Susanne.

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