Dienstag, 3. Februar 2015

Protest! Diesmal in anderer Form...



... die grobe Richtung ist dieselbe wie in den letzten Wochen: zum Hauptbahnhof wollen wir, zumindest bis in die unmittelbare Nähe. War das Ziel bisher das DGB-Haus auf der Friedrich-Ebert-Straße, so wollen wir heute ein türkisches Restaurant besuchen, uns solidarisch zeigen und wenigstens einen der gebeutelten und entnervten Wirte im Bahnhofsviertel unterstützen. Unterstützen mit unserem Besuch, der ein wenig Umsatz in die Kassen spülen soll an einem Abend, an dem die sonst so quirlige, volle und laute Graf-Adolf-Straße menschenleer daliegt. Wo sonst vielsprachiges Stimmengewirr in der Luft liegt, steht heute alle paar Meter ein Grüppchen Polizisten, Pappbecher mit dampfendem Kaffee oder Tee in der Hand, den Funk im Ohr, den Schutzhelm unter den Arm geklemmt. 
Atemwolken, Kälte. Stille - solange bis die Nazifrau M. Dittmer die Stimme erhebt und per Megaphon einem Häuflein Verirrter ihre abstrusen Theorien darlegt, Naziparolen grölt, widerwärtige und menschenverachtende Stücke aufführt, Muslime, Imame und die Lügenpresse verhöhnt.
Mitten in Düsseldorf. An einem Montag-Abend, dann, wenn der Berufsverkehr soeben beginnt. 
80 sind es diesmal. 80, die mit ihrem eingeklagten Aufmarschweg eine ganze Stadt lahmlegen. 80, die aus der nahen und weiteren Umgebung angereist kommen, weil "die Polizei in Düsseldorf wesentlich freundlicher und kooperativer" ist und sie hier vermeintlich ungestört ihren Müll in die Atmosphäre brüllen können. 80, denen diesmal etwa 800 gegenüberstehen, die sich nicht bieten lassen wollen, dass der braune Sumpf in ihre liebenswerte und tolerante Stadt getragen wird von einem Haufen nachweislich rechter Arschlöcher, die der Kampflesbe Dittmer und ihrem schwulen Anwalt Clemens (was an sich beides total egal ist, aber doch nicht einer gewissen Komik entbehrt, auch wenn die noch so traurig ist. Oder ist das Realsatire?) hinterherrennen. 
Die sich mit quarzsandgefüllten Handschuhen bewaffnen, Schlagstöcke mit sich führen, den Hitlergruß zeigen, das Horst-Wessel-Lied grölen. Die provozieren und sonst nichts. Dittmer hat ihre Plattform gefunden, ihre Erfüllung liegt darin, die Städte an Rhein und Ruhr mit braunen Pöbeleien  zu überziehen, ihre ganze Energie fließt da hinein. Sie suhlt sich im Wissen, "die meistgehasste Frau Deutschlands" (oder doch wenigstens der Umgebung) zu sein. Sie hat nichts anderes zu tun, verfolgt seit 15 Jahren mindestens und nachweislich ihre steile rechte Karriere. Sie ist die einzige Frau, die in diesem Kreis dumpfer und stumpfsinniger Nachplapperer Anerkennung findet und geilt sich daran auf, dass ihr 30 - 80 Hanseln zujubeln und die betroffenen Städte allwöchentlich ein Vermögen ausgeben, das unerwünschte Gesindel und dessen Recht auf Versammlungsfreiheit zu schützen. 
Die Nationalhymne des ach so zu schützenden Abendlandes können die "Patrioten" allerdings nur, wenn sie einen Zettel in der Hand haben.

Wir sind wütend. Entsetzt. Stinksauer. Fassungslos.
Deshalb fahren wir heute ein paar Stationen mit der U-Bahn (um dem überirdischen Verkehrschaos zu entgehen), steigen Oststraße aus, bahnen uns einen Weg durch Hunderte Polizisten, vorbei an kreuz und quer stehenden Streifen- und Mannschaftswagen. Ich will mich bei ein paar Einsatzkräften bedanken, die hier stundenlang in der Kälte stehen, habe dabei beide Hände in den Manteltaschen und verstehe erst im Weggehen den scharfen, gezielten Blick des jungen Mannes auf genau diese Manteltaschen. Es ist noch früh, gerade 17.00 Uhr durch, unsere Reservierungsbestätigung brauchen wir nicht, die meisten Absperrgitter sind noch geöffnet. Je näher wir zum Bahnhof kommen, desto offensichtlicher die enorme Polizeipräsenz, wir passieren eine Reiterstaffel.

Das erste "Antalya" ist das falsche Restaurant, der Wirt kommt um seinen Tresen und zeigt mir freundlich den Weg. Gleich um die Ecke liegt unser Ziel, "restaurantalya". Aus der Tür kommen zwei Uniformierte, entschuldigen sich beim Wirt, sagen bedauernd: "Wir müssen unseren Job machen, es tut uns leid."
In der oberen Etage ist ein langer Tisch eingedeckt, schöne Atmosphäre mit Blick auf das Geschehen. Fast pervers.
Unsere Freunde treffen nach und nach ein, Walburga Benninghaus, MdL, die auffallende und toughe SPD-Frau aus dem Düsseldorfer Süden. Ataman Yildirim von der Intergrationsagentur der AWO, Dana Khosravi, stellvertretende Vorsitzende der Düsseldorfer Jusos, Rainer Guntermann von der Polizei Düsseldorf, Martine Richli, Vorsitzende des Vereins "Wohnen mit Kindern e.V.". Musiker, Freiberufler, Gastronomen... ein buntes Volk quer durch Düsseldorf. Dirk Sauerborn, Ansprechpartner für interkulturelle Angelegenheiten im Polizeipräsidium Düsseldorf, wirft einen kurzen Blick auf die Runde und eilt zu Gülsen Çelebi, der seit Wochen bedrohten Rechtsanwältin ein paar Hundert Meter weiter. 
Mittlerweile sind wir mitten in der nächsten von zahlreichen erregten Diskussionen über das Handeln oder Nichthandeln, das Dulden und scheinbar stoische Aussitzen-Wollen von anderen, auch offiziellen Personen. Wir verstehen es zum Teil nicht, wollen auch nicht verstehen, kein Fußbreit den Faschisten... Die Stimmung ist gut, das Gespräch geht kreuz und quer, jeder hat Vorstellungen, Ideen. Zwischendurch gehen einige nach unten, prüfender Blick, was tut sich... Jemand kommt zurück, ist empört und sagt mit sich überschlagender Stimme, das kann doch nicht sein, was die da aufführen, warum dürfen die das. 
Ich erwähne das große, völlig zerstörte Transparent am Aquazoo... "Humanität, Respekt & Vielfalt" - zerschnitten und irreparabel. Jeder kennt es, jeder ist wütend darüber.
Weiterer kurzer Besuch, diesmal von Stefani Geilhausen, RP, sie ist mit einem Fotografen unterwegs, um das Geschehen jenseits von *gida zu dokumentieren und sagt uns, dass es weniger Rechte sind, als befürchtet.

Essen wird serviert, der Kellner ist liebenswert, rennt treppauf, treppab, bringt riesige Teller mit wahrhaft göttlichem Essen. Lamm und Humus, Salate, Süßspeisen, Käse... Wir sitzen länger da, als geplant und wissen am Ende des Abends: das war toll, es war wichtig, sich wieder einmal in großer Runde auszutauschen und nicht nur im 2er oder 4er-Gespräch. 

Aber nächste Woche sind wir wieder auf der Straße, wir wollen uns den Fratzen entgegenstellen, ihnen sagen, dass wir sie hier nicht wollen. Nicht nur heute nicht oder morgen. Nie. 
Ein gemeinsames "interkulturelles" Kochen haben wir auch geplant. Mit vielen Freunden und Gästen.  
Köfte statt Klops. Ein Hoch auf die Vielfalt!


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen