Donnerstag, 22. Januar 2015

"gute nacht für obdachlose"



… so steht es auf einem kleinen Prospekt, den Malte meinen Freundinnen und mir beim allwöchentlichen Mädels-Stammtisch@theGoGo vorbeibringt. Malte arbeitet seit Jahren ehrenamtlich beim gutenachtbus, erfahre ich. Malte? Der eloquente, witzige, charmante und immer gut gelaunte „Nachtschicht“-Malte, der seinen Spitznamen der Spätschicht im Café á GoGo verdankt, tut Gutes für Obdachlose? 
Wir sind platt und hören zu. Lesen. Sind ein wenig stiller als sonst - und beschließen praktisch im gleichen Moment: wir machen mit. Jedenfalls so, wie wir es können: sammeln Spenden, Kleidung, Schlafsäcke und Lebensmittel, Verbandzeug, Kaffee, Plätzkes. 

Wieder einmal nutze ich Facebook für täglich mehrfache Aufrufe und Bitten um Sachspenden, erkläre, beantworte Fragen per Telefon, Mails und im persönlichen Gespräch. Unmengen Spenden erreichen uns, ganz besonders viele sind es unmittelbar vor Weihnachten. Ich weiß mittlerweile von Bruder Peter, mit dem ich zunächst nur telefoniert habe, weil es so viel zu tun gab vor den Feiertagen und den ich mittlerweile auch persönlich kennen- und vor allem schätzen lernen durfte, wie willkommen unsere Unterstützung ist. 

Am Dreikönigstag lädt er mich ein, den Bus zu begleiten und den Obdachlosen symbolisch eine kleine Gabe zu überreichen; ich bitte meine Freundin Brigitte, mich zu begleiten. Wir treffen uns in kalter, dunkler Winternacht bei vision:teilen, wo schon reges Treiben herrscht. Jede und jeder weiß hier, was zu tun ist. In der winzigen Küche stapeln sich Brötchen- und Brotkisten, auf einem kleinen Kocher werden 100 Riesen-Bockwürste heiß gemacht (auch eine Spende), Kaffee läuft in übergroße Kannen. Es wird wenig geredet hier, generalstabsmäßig werden die Vorbereitungen getroffen, immer wieder läuft einer in den Keller und sucht zusammen, was von dem ein oder anderen Bedürftigen besonders gebraucht wird: Schuhe sind knapp, Socken und warme Unterwäsche auch. Schlafsäcke werden benötigt, warme Decken. In einem dicken schwarzen Buch werden alle diese Wünsche notiert, auch fehlende Lebensmittel werden eingetragen und aufgefüllt, der Bus ist immer voll beladen, wenn er sich allabendlich auf die Reise begibt. 
Wir stehen im Weg und werden immer stiller angesichts des enormen Pensums, das hier täglich zu leisten ist. Die Büroräume quellen über, zahlreiches, sehr schön gemachtes Info-Material wird hier gelagert, Spenden verwaltet, Sammelbüchsen ausgegeben, ein außerordentlich guter Internetauftritt gepflegt. 

Fahrer Armin nimmt uns im Bus von der Schirmerstraße mit in die Altstadt und erzählt von der Arbeit auf dem Bus. Ganz nebenbei erfahren wir, dass er nicht nur sein offizielles Ehrenamt sehr ernst nimmt, sondern auch in der Freizeit stets auf der Suche nach Obdachlosen ist, die Hilfe brauchen. Er versorgt sie, bringt sie notfalls zum Arzt oder in die Klinik. Er weiß, wie alle anderen auch, um die begehrten Schlafplätze, um diejenigen, die gut organisiert auf der Straße leben und um die man sich nur im Notfall kümmern muss. Und eben auch um die anderen. Eine neue Welt tut sich auf…
Unterwegs sehen wir einsame, beladene Gestalten Richtung Kommödchen laufen - der Bus wird jeden Abend heiß ersehnt. Kaffee, Suppe, an diesem Abend eben auch heiße Würstchen und Waffeln lindern ein wenig Hunger und wärmen. Das Zusammentreffen mit den „Kollegen“ von der Platte ist echtes, soziales Miteinander - nur ein wenig anders. Man begrüßt sich freudig, auch mit High Five, hat Interesse am Gegenüber, ein Hund wird von allen getätschelt. Ruhig stellen sich die fast 30 Männer an, nur eine Frau ist darunter, heute Abend. Bruder Peter erklärt mir, dass am Bahnhof sehr viel mehr Frauen die Hilfe des Busses in Anspruch nehmen. Jede Frage darf ich ihm stellen, dem 70jährigen, so jung wirkenden Mann. Ihn berührt jedes Schicksal, besonders das der ganz jungen Mädchen, die sich prostituieren, um zu überleben.

Staunend und auch ein wenig scheu stehen wir mit zwei weiteren Freundinnen am Bus und beobachten, freuen uns. Nach vorsichtigem, gegenseitigen Beäugen erfolgen erste zaghafte Annäherungsversuche und dann ganz wunderbare Gespräche, witzige Kommentare, Fragen.
Später, als wir im Warmen sitzen und mit schlechtem Gewissen noch ein Bier trinken, wirkt dieser Abend nach. Wir sind lange nicht so fröhlich wie sonst, beeindruckt. Bedrückt.

Heute Abend erwarte ich erneut eine Vielzahl Spenden - ich komme wieder!

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