Sonntag, 15. April 2018

Reiseerlebnis. Schon wieder.

Meine Reiseerlebnisse sind immer besonders, so selten sie vorkommen.
Nach einem sehr langen und für mich anstrengenden Tag mit sieben Vorträgen, neuen Erkenntnissen, manchem Gespräch mit Ärzten, dem Treffen mit einem Mitarbeiter der DKMS und nicht zuletzt mit Anita Waldmann, der ersten Vorsitzenden der Leukämiehilfe Rhein-Main, entschließe ich mich, den allerletzten Vortrag zu schwänzen, mein Kopf ist zum Bersten voll.

Ich mache mich also in der Uni-Klinik Mainz auf den Weg, ein Taxi zu bekommen, nicht so leicht, wie sich herausstellen soll. Ein liebenswerter Mitarbeiter hilft mir, sagt, bleiben Sie da draußen, ich rufe an, kann aber dauern. Macht nichts, ich habe durchaus reichlich Zeit und genieße die laue Luft nach dem Tag, der um halb fünf begann. Zwanzig Minuten später steige ich ein und am Bahnhof wieder aus, denke ESPRESSO, gönne mir aber als erstes eine Wooosch. Mit Fritten und Mayo!
Der Blick auf den Bahnhofsplatz ist hier nicht anders als woanders, ein paar Irre, ein paar Nette, ein paar Pärchen. Jetzt aber wirklich Kaffee. Und noch ein Magazin, das ich in Düsseldorf seit Tagen vergeblich suche. Und ein Schoko-Croissant. Sünde über Sünde.
Auf dem Bahnsteig ergattere ich noch eine Bank, wieder in der so streng verbotenen Sonne, egal. Blättere, kucke, staune, es wird voll. Ich meine: VOLL. Gottseidank habe ich eine Sitzplatzreservierung, denke ich.
Der Zug ist pünktlich, Wagen 257 steht nicht da, wo er laut Wagenstandsanzeiger sollte, ich renne hinterher, heute glücklicherweise ohne Gepäck, mancher wird sich erinnern. Huch, was ist hier los, das ist ein unvertrauter Blick, in-Vierer-Gruppen angeordnete offene Sitzabteile, ich bin in einem Wagen der SBB, der Schweizer Bundesbahn, klar, ist ein Eurocity. Natürlich bin ich am falschen Ende eingestiegen und natürlich muss ich mich wie alle anderen durch die Menge zu meinem Platz kämpfen. Es ist irre laut, es stinkt. Da ist er, mein Platz, Nr. 26 und darauf er, ein kleiner kugelrunder Inder, vielleicht auch ein Pakistani, ich weiß es nicht. Springt sofort auf, als ich sage, bitte, das ist mein Platz. "Müssen Sie buchen!" "Ja, hab ich, hier..." Leider hat die Bahn vergessen, eine entsprechende Kennzeichnung anzubringen, wir stehen beide blöd rum und vor allem im Weg, ich sag ihm, er soll sich wieder setzen, ich hocke mich daneben. Vor ihm stehen Reisegetränke, Paulaner, ein Six-Pack. Halleluja. Mir gegenüber: ein sicher zwei Meter großer, sehr junger Mann, Stöpsel in den Ohren, Hände unablässig in der Plätzchentüte. 150 kg, schätze ich. Nicht Plätzchen, er. Es ist eng, dabei ist sogar noch ein Platz frei, nicht so richtig, dafür ist mein Gegenüber einfach zu viel Mensch.

Hinter mir, verteilt im Wagen, eine Reisegruppe älterer Belgier, überaus lustig, überaus laut, überaus betrunken. Von links hinten schwappt bei jeder Bewegung der mitreisenden Dame eine Welle Schweiß über mich hinweg. Schlimm. Wirklich schlimm. In Ermangelung eines Mundschutzes (wie blöd muss ich sein) ziehe ich mir mein Tuch über Mund und Nase. Hilfe!
Links neben mir, nur getrennt durch den schmalen Gang, vier vietnamesische junge Frauen. Mit vier vietnamesischen Babies und Kleinkindern. Die Kinder schlafen, die Frauen schnäbbeln unentwegt in hohem Sing-Sang, pausenlos, laut. Dann wird Kind eins wach. Dann alle, alle Kinder brüllen, alle Mütter überkreischen das. Ich will hier weg. 

Mittlerweile werden die beiden nächst erreichbaren Toiletten gesperrt, verstopft, übergelaufen, die Türen sind nicht dicht. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Abfallbehälter quellen über, das Grauen hat einen Namen. Ständig rempelt einer der Vorbeilaufenden mich an. Jedesmal wird nach dem vergeblichen Rütteln an der Klo-Tür quer durchs Abteil gebrüllt: "Ze zit vol!!!" Immer!
Lesen ist unmöglich, es ist so eng, dass ich nicht mal eine Zeitschrift halten könnte, der Akku meines Handys ist leer, ich kann nur noch einen Hilferauf an meinen Mann absetzen.

Koblenz. Immer mehr und mehr und noch mehr Leute quetschen sich in den Zug. Unseren freien Platz erklettert sich ein junger Chinese, auch er wohlgenährt, Stöpsel in den Ohren, in den Händen vier Schoko-Puddings, die er in affenartiger Geschwindigkeit in seinen Mund löffelt, Puddingschale wie die Reisschale ganz dicht am Mund, die Hand rotierend. Ich kann nicht mehr, sehe mich in dieser Runde junger, dicker Männer und muss lachen.

Köln. Die Belgier steigen aus. Alles steht schon drei Kilometer vor dem Dom im Gang, Jacken werden übergeworfen, Hosen hochgezogen, ich kuck aus dem Fenster und halte die Luft an. Ich kuck zurück und direkt in einen Bauchnabel, mitten auf einem üppigen Bauch. Jetzt ist mir schlecht.
Dann endlich Ruhe. Himmlische Ruhe in Wagen 257. 

Ich suche mir einen freien Platz. Gleich bin ich zuhause. Gehe ins GoGo. Ich brauch' einen Drink.

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